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Alternatives Sanierungsprojekt in Sao Paulo


Offiziellen Statistiken zufolge gelang seit 2003 etwa 24 Millionen Brasilianern der Schritt aus der Armut in die untere Mittelschicht, rund 40 Millionen gelang der Schritt in die sogenannte Einkommensklasse C  (Familien mit 1200-5000 Real bzw. 500-2200 Euro monatlichem Einkommen). Der durch die Kaufkraft und die Kosumbereitschaft dieser Gruppen angetriebene Binnenmarkt gilt als einer der wesentlichen Bausteine für den wirtschaftlichen Aufstiegs Brasiliens im Laufe der vergangenen 10 Jahre.  Die durch den Ausbau der Infrastruktur ohnehin bereits florierende brasilianische Baubranche erlebte durch diese Entwicklung eine beispiellosen Boom. Die Nachfrage nach privatem Wohneigentum ist so hoch wie nie, staatliche Förderprogramme wie das 2009 lancierte Projekt "Minha Casa, Minha Vida" (Mein Haus, mein Leben) treiben die Konjunkturspirale weiter voran.

Seit dem Start des Programms, das einkommensschwachen und mittelständischen Brasilianern grosse Vergünstigungen beim Erwerb von Eigentumswohnungen gewährt und in seiner jetzigen Form eine Aufstockung des privaten Wohnungsbestandes um 2 Millionen Einheiten bis 2014 vorsieht, stiegen die Aktienkurse der nationalen Baufirmen innerhalb weniger Jahre um mehr als 50 Prozent. Einfacher Wohnungsbau ist gefragt, machbar und rentabel. 81% des Gesamtumsatzes von 1,4 Milliarden Real des Bauriesen Rossi Residencial im ersten Semester 2010 stammten aus diesem Segment. Eine Sättigung des Marktes ist nicht in Sicht, gegenwärtig liegt das Projekt sogar hinter den angestrebten Zahlen zurück und soll erweitert werden. Zur Zeit ist die Rede von einem Defizit von rund 8 Millionen Wohneinheiten, bei sinkenden Zinsen und expandierenden Krediten - eine Ausgangslage, von der europäische Anbieter wie die Deutsche Annington derzeitig nur träumen können. Experten prognostizieren daher eine Fortsetzung des brasilianischen Baubooms bis mindestens 2020.

Zur Enttäuschung vieler Architekten und Stadtplaner sieht das Minha Casa, Minha Vida Programm den Bau von circa drei Millionen weitgehend identischer Hausmodelle vor. Dass es durchaus auch anders gehen kann bewiesen die Bewohner des Armutsviertels Heliópolis in São Paulo, die den renomierten Architekten Ruy Ohtake für ein alternatives Sanierungsprojekt gewannen, bei dem mit staatlicher Unterstützung 70 vierstöckige Wohngebäude für 18.000 Haushalte und 70.000 Menschen, Ausbildungstätten und ein Gesundheitszentrum entstehen. Das die erste Bauphase des von Ohtake im August 2010 in Zusammenarbeit mit den Anwohnern und der bundestaatlichen Wohnungsbehörde SEHAB projektierten Conjunto Habitacional Heliópolis beinhaltete 11 fünfstöckige barrierefreie Rundtürmen mit jeweils 18 Wohneinheiten, die Ende 2011 fertiggestellt und bezogen wurden. 29 weitere Rundtürme und umfangreiche Grünanlagen sollen folgen. Mit druchschnittlich 110.000 Real liegen die Baukosten pro Wohneinheit auf gleicher Höhe mit denen von konvetionellen Objekten des einfachen Wohungsbaus.